rückzug in die öffentlichkeit

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Rückzug in die Öffentlichkeit 

Angestoßen durch die Coronapandemie bedingten individuellen und kollektiven Rückzugstendenzen ist das Anliegen dieser dreiteiligen Arbeit intime und private künstlerische Überlegungen an die Öffentlichkeit zu adressieren.

Intimes öffentlich zu machen ist generell Teil eines ausgestellten künstlerischen Werkes. In dieser Arbeitsserie geht es jedoch explizit darum, grundsätzliche Überlegungen zur künstlerischen Tätigkeit vor dem Hintergrund des eigenen Lebenszyklus darzustellen.

DIE HÖHLE beschäftigt sich sowohl mit Gedanken zum Ursprung menschlicher Kreativität als auch mit dem eigenen Ursprung als kreatives Wesen (als Kind).

DER SARG thematisiert das eigene individuelle Ende und dessen Bedeutung für das gegenwärtig gelebte Leben im Sinne des „memento mori“ und „carpe diem“.

DER POOL als dritter Teil hat das Bewusstsein der Gegenwart (eigenes EKG) sowie der Unendlichkeit (im Pool unendlich kreisende Flaschenposten mit EKG-Rollen) zum Thema.

Rückzug in die Öffentlichkeit (I) – DIE HÖHLE

Anfang 2021, mitten in der „Corona-Zeit“, erhielt ich von Frau Dr. Silvia Dobler, Kuratorin und Leiterin des StudioRose in Schondorf am Ammersee die Einladung, meine schon länger bestehende Idee des Baues einer Höhle in einem Museum umzusetzen.

Ich hatte die Freiheit, diesen Prozess im großen Ausstellungsraum des studioRose und des angrenzenden atelierRose als „work in progress“, ohne weitere Vorgaben zu gestalten. Weder Form, Größe und konkrete Beschaffenheit der Höhle, noch Verlauf oder fokussierte Inhalte waren zu Beginn der Kunstaktion abzusehen. DIE HÖHLE fand vom 11.Februar (ein kleiner Karton in der Mitte des großen Raumes) bis zum 18. April 2021 (Aufbruch und Abbau der Höhle) statt.

Da zu Beginn, auf Grund der Pandemiesituation, völlig unklar war, inwieweit Besucher zugelassen sein würden, war schnell klar, dass dieser Prozess auch medial der Öffentlichkeit zugänglich sein sollte. So entstanden 16 einminütige Videos, welche den Verlauf im Internet dokumentierten. Der Fotograf York Dertinger begleitete das Projekt fotografisch. Ein Bericht des Bayerischen Rundfunks von Doris Bimmer auf BR2 – „Kultur Leben“ – wurde am 1. April 2021 gesendet. Trotz der eingeschränkten, mehrmals wechselnden rechtlichen Besuchsbedingungen waren schließlich u.a. über 50 Gruppen-Führungen durch DIE HÖHLE möglich.

Nach Abschluss des Projekts entstand ein Katalog als Versuch, DIE HÖHLE in ihrem Prozess zu dokumentieren und denjenigen, welche nicht live dabei sein konnten, einen Eindruck davon zu vermitteln. Ebenso entstand der 30-minütiger Kunstfilm „DIE HÖHLE“.

Der Katalog (mit QP-Codes zu Filmausschnitten) kann für 20.- Euro (incl. Porto für Zusendung) bei mir angefordert werden.

Zitat aus dem Film DIE HÖHLE:
„Ich ducke mich und krieche durch den Eingang in die Dunkelheit. Wenn ich mich in die Höhle zurückziehe, begebe ich mich auf die Reise an den Ort und in die Zeit, in der alles begann: Die Kunst, die Menschwerdung, mein eigenes Leben. Ich krieche in eine Zeit, in der wir als Kinder Höhlen bauten aus Decken und Kartons. In eine Zeit, in der wir frei waren von Beurteilungen, äußeren Einflüssen und gedanklicher Reflexion. Ich krieche auch in eine Höhle, in welcher der Höhlenmensch mit der Erkenntnis eigener Kreativität zum Homo Sapiens wurde. Der erste, bewusste Handabdruck an die Höhlenwand ändert alles: Das Wesen Mensch erlangt durch die Kreativität die Freiheit. Nicht nur zu existieren und zu überleben, sondern reflektiert zu Leben. In der Höhle werde ich versuchen, diese, an den Ursprung führenden Aspekte, zu erleben und zu reflektieren. Ich werde auch versuchen, kreativ zu sein, wie ein Kind oder ein Wesen zu Beginn unserer Menschengeschichte. Das ist ein Selbstexperiment. Das ist ein Luxus. Das ist eine Möglichkeit.“

Axel Wagner, März 2021

Rückzug in die Öffentlichkeit (II) – DER SARG

Anfang 2022 entstand die Idee, mir meinen eigenen Sarg zu bauen und diesen – gemeinsam mit dem befreundeten Künstlerkollegen Andreas Kloker – in der Öffentlichkeit auszustellen. Die Arbeit an diesem „letzten Gefäß“ entwickelte sich als hochspannendes Projekt: Die meditative Beschäftigung mit dem eigenen Leben, die künstlerische Diskussion und Auseinandersetzung mit Andreas Kloker zu diesem großen Thema, sowie auch der öffentliche Diskurs darüber im Rahmen der Ausstellung im raumB1 in Utting hinterließen einen nachhaltigen Eindruck.

Den eigenen Sarg – in dem ich verbrannt werden werde – in der Öffentlichkeit auszustellen war ein intim-öffentlicher Prozess und für mich ein guter Anfang für alles Weitere…

Das Gefäß

ist aus Karton, dem Material der Höhle,
die ich mir baute und in der ich lebte.

Einfach, pragmatisch.

Der eigene Handabdruck sagt:
Ich war hier.

Die Abdrücke der Handrücken
bezeugen Verbundenheit.
Geöffnete Hände empfangen mich
und geben das letzte Geleit.

Ich fühle mich gehalten und verbunden.
Mit den Menschen, mit der Welt.

Übermorgen oder in 50 Jahren
werde ich in diesem Sarg verbrannt werden.

Alles ist gut. Ich bin da.
Nur für immer

Axel, 57 Jahre

Rückzug in die Öffentlichkeit  (III)  – DER POOL

Nach der Reise an den Anfang und an das Ende galt es im dritten Teil dieser Arbeit das Leben dazwischen abzubilden. Im Rahmen der großen Ausstellung ZEIT IST. zeigten Andreas Kloker und ich in jeweils drei Räumen der Zedergalerie Landsberg am Lech jeweils drei Installationen zu dem Thema Zeit.
Im zentralen Raum meiner Arbeit installierte ich ein (Kinder-)Pool in dem 58 Flaschenposten endlos kreisten. Diese Flaschenposten beinhalteten jeweils zusammengerollte EKG-Streifen, welche ich mir zuvor in einer Performance ableiten ließ. Für jedes Lebensjahr eine Flasche. Der durch das EKG-Gerät festgehaltene und dokumentierte Augenblick meines gegenwärtigen Lebens wird im Pool kreisend in eine Unendlichkeit überführt.